Ich habe heute Abend die Ehre Euch die Orgonauten zu präsentieren. Möge die in wenigen Minuten stattfindende Vorstellung Ihrer CD Ihnen einen Triumphzug bescheren durch die sämtliche gemütlichen Wohnzimmerclubs -wie diesen hier- in allen Diskotheken ohne Türsteher oder Flaterate-Sauf-Nächten ab Zwölf und natürlich den Underground-Piraten-Sendern, die gerade heimlich in den Abstellkammern der obersten Stockwerke von Wolkenkratzern eingerichtet werden, weil da niemand mehr wegen den Flugzeugen einziehen möchte.
Auf keinen Fall möge es Ihnen es so ergehen wie den Argonauten in ihrem gleichnamigen Zug. Drum gebet niemals den Lockungen und Verheißungen eines Schatzes nach, und sollte er auch das Goldene Vlies heißen. Umgebet Euch nicht wie Iason mit abenteuerlustigen Gesellen, hören sie auch auf so wohltönende Namen wie Theseus, Herakles oder gar Orpheus. Und begebet Euch nie auf so schlimme Irrfahrten als wie denen des Odysseus, auch wenn die gleich erklingende satanische Rockmusik Euch ununterbrochen dazu auffordert: Einen Schiffbruch im Weltall hat bislang noch keiner überlebt. Laßt uns deshalb noch ein bißchen auf der Erde- und dort auf dem Boden- bleiben. In diesem Sand, in dem man versinkt, wenn man nicht zuvor bereits vom Kopf abwärts eingebuddelt wurde.
Seetang und Algen lagen engumschlungen zusammen am Strand
Die hohen Wellen und die starken Winde spülten sie an Land
Nebst Muscheln, die an vom Wasser abgerundeten Steinen
zerschellten
Heile Dinge, wie Flaschen mit Post oder lebende Fische
sah ich sehr selten
Die meisten Sachen waren verwaschen, zerschlagen
oder einfach nur tot
Doch der brausende Wind atmete noch, als ob er nach Luft
schnappen würde
Und die sich überschlagenden Wellen suchten weiterhin
nach einer Hürde
An der sie scheitern könnten und gerieten dabei immer wieder
in Seenot
Und so spritzt die vernichtend-erfrischende Gischt
im Angesicht des fliehenden Lichts
Von Sonne und Mond und wechselt dabei beständig unbeständig
die Gezeiten
Wird alleweil den Säugern, Muscheln und Fischen
ein nasses Grab bereiten
Und das umspannend-umgarnende Netz der Materie als das enttarnen,
was es ist, nämlich Nichts
Besonderes ereignet sich unaufhörlich zwischen Ebbe und Flut:
Alles wird zu Treibgut, dem ich fast unhörbar zuruf':
Treibgut treib gut
Lassen wir uns noch einen Moment lang treiben, in Gedenken an Orpheus, der Orgonautic ja seine erste Silbe lieh und selbst äußerst gut bei Stimme war:
"Als Iason und Medea an Bord kamen, fingen sanfte Zephire zu wehen an; frohen Mutes lichteten die Helden die Anker und spannten die hohlen Segel aus. Mit leichtem Wind wogte das Schiff weiter, und bald kam eine schöne blühende Insel in Sicht, der Sitz der trügerischen Sirenen, welche die Vorbeifahrenden durch ihre Gesänge anlockten und ins Verderben stürzten. Halb Vögel, halb Jungfrauen, saßen sie immer auf ihrer Warte, und kein Fremder, der vorüberfuhr, entging ihnen. Auch jetzt sie den Argonauten ihre schönsten Lieder zu, und schon wollten diese die Taue nach dem Ufer werfen und anlegen, als der thrazische Sänger Orpheus sich von seinem Sitz erhob und seine göttliche Leier so mächtig zu schlagen begann, daß sie die Stimmen der Jungfrauen übertönte; zugleich blies ein tönender, gottgesandter Zephir in den Rücken des Schiffes, so daß der Sirenen-gesang in den Lüften verhallte. Nur einer der Genossen, Butes, der Sohn des Teleon aus Athen, hatte der hellen Stimme der Sirenen nicht zu widerstehen vermocht, sprang von der Ruderbank ins Meer und schwamm dem verführerischen Hall entgegen. Er wäre verloren gewesen , wenn ihn nicht die Beherrscherin des Berges Eryx in Sizilien, Aphrodite, erblickt hätte. Sie riß ihn mitten aus dem Wirbel heraus und warf ihn auf ein Vorgebirge dieser Insel, wo er hinfort wohnte. Die Argonauten betrauerten ihn als einen Toten."
Verlassen und einsam starb er dann irgendwann wirklich. Butes, der Sohn des Teleon, erlebte ungefähr an die 80 Wiedergeburten, u.a. als Schwein, Grashalm, Straßenschild, Brückengeländer, Godemiché, als hasenschartige Dirne im Köln des elften Jahrhunderts, die nur von hinten feilgeboten wurde, dann als Amöbe, Küchenschabe, Fliederblüte, Runkelrübe, als Flughündin und schließlich irgendwann als Herr Wilhelm Reich.
Dachtet Ihr ernsthaft, ich würde Euch weismachen wollen, der Name Orgonautic käme von den Argonauten und Orpheus her? Selbstredend geht er direkt auf Reich zurück. Ohne seine Entdeckung des Orgons, wie er die Lebensenergie nennt, wäre die sogleich folgende Musik doch nie denkbar gewesen. Ohne sein bahnbrechendes Werk "Die Funktion des Orgasmus" allerdings ebensowenig. Wofür jemand allerdings 120 Seiten und allerlei Messinstrumentarien benötigt, um auf die Formel Ladung <=> Entladung zu kommen, darf man mich auch nicht fragen. Kann man auch etwas kürzer mit einem Sonett bewerkstelligen:
Immer, wenn Du diese gutturalen Laute von Dir gibst
Weil ich über Deinen Körper wie über eine Harfe streichle
Weiß ich, daß ich Deinen Empfindungen gerade schmeichle
Und daß ich Dich genauso stark liebe, wie Du mich liebst
So bringst Du Saiten in mir, die ich noch nicht kannte,
zum Anschlag
Und das nicht nur dann, wenn wir uns gegenseitig überfallen
Mit dem Wissen voneinander, was der eine möchte und der andere mag
Bringen wir schließlich immer wieder das Echo zum Hallen
Derart koppeln sich die Verdopplungen zu einem Chor
Daß zwei Stimmen plötzlich den Klang von vielen besitzen
Und nicht mehr zu unterscheiden sind von vielerlei Ohr
Doch geraten wir nicht davon alleine ins Schwitzen
Das vergessene Restliche dieser Geschichte zu erzählen,
will sich nicht recht schicken
Wir schweigen, sagen nicht, daß wir die Schreie
mit aneinandergepressten Mündern ersticken
Um den Faden wiederaufzunehmen, jedenfalls führte das zusammen mit seinem nächsten Buch "Charakteranalyse" zum Ausschluß Reichs aus der Psychoanalytischen Gesellschaft Freuds und natürlich zur Entdeckung des, na, Ihr ahnt es schon, ja, des Orgons und dem von Oranur, vom dem Ihr aus guten Gründen noch nie etwas gehört habt.
So, das war jetzt der wissenschaftliche Exkurs, da ich vom mythologischen schnell genug hatte.
Jetzt soll aber endlich die Band, die diese beiden Aspekte des Lebens auf sich zu vereinigen sucht, zu Tone kommen: Live aus Nuremberg, Maiddelfränkonia, Sseehhh Orgonautic!!!!!!!
Mythlogisches Zitat: Gustav Schwab - Die schönsten Sagen des klassischen Altertums (S.98)
Lyrik: Lars Kamping - Sonette an Eurydike (© 2005; unveröffentlicht)